KULINARISCHES

Geschichte der Altdorfer Beenälisuppä


Porträt der Suppi


Suppenschöpfer in den 1950er-Jahren an der Arbeit




Otto Jauch-Dittli


Käthy Brand-Holdener mit Ehemann Brosi
     

 

Übersicht Beenälisuppä Fasnachtschiächli 

Die Gründer hatten im Jahre 1880 die „Suppi“ aus sozialen Gründen ins Leben gerufen. In der Winterszeit sollte Kindern, Armen, Kranken und Hilfsbedürftigen eine warme, stärkende Mahlzeit verabreicht werden. In der heutigen Zeit ist diese soziale Funktion etwas in den Hintergrund getreten. In den 125 Jahren ist die „Altdorfer Beenälisuppä“ jedoch zum erhaltenswerten Brauchtum geworden.

Am 17. Januar 1880 schrieb der damalige Landesstatthalters Carl Muheim im «Urner Wochenblatt» einen Artikel «Zur Volksernährung». Der Verfasser setzte sich dabei eingehend mit dem Problem der Verschlechterung der Volksernährung und dem Überhandnehmen des Schnaps- und Kaffeekonsums auseinander. In seinen Schlussfolgerungen macht er den Vorschlag, in grösseren Ortschaften, Suppenanstalten zu gründen, denn nicht einmal jede Frau wisse eine gute Suppe zu kochen, selbst wenn sie in französischen Instituten gebildet worden sei. Eine gute Suppe aber sei und bleibe die gesündeste und nahrhafteste Erfrischung. Soweit der Aufruf des Landesstatthalters!

Eine gute, nahrhafte Suppe zum
Selbstkostenpreis

Der Artikel blieb nicht ohne Wirkung. Es wurde eine Kommission bestellt, welche die Frage der Gründung einer Suppenanstalt zu prüfen und Vorschläge über Mittel und Wege für ein solch wohltätiges Institut auszuarbeiten hatte. Die Sache wurde auch öffentlich diskutiert und die Meinungen, ob eigentliche Volksküchen oder einfachere Suppenanstalten eingerichtet werden sollten, fanden in teils vehementen Zeitungseinsendungen ihren Niederschlag. Einen guten Monat später beschlossen die Einwohner von Altdorf die Gründung der Suppenanstalt als Aktiengesellschaft. Das benötigte Kapital von 800 Franken war durch eine allgemeine Aktienzeichnung aufzubringen. Ein Ausschuss sollte die weiteren Aufgaben übernehmen und mit der Aktiensammlung beginnen. Das gemeinnützige Werk entsprach einem allgemeinen Bedürfnis, speziell in der Bauzeit der Eisenbahn, wo die Preise der Lebensmittel stets im Steigen begriffen waren. Der statutarische Zweck der Suppenanstalt sah vor, „an jedermann, besonders an Arme, Kranke und Hilfsbedürftige eine gute, nahrhafte Suppe zum Selbstkostenpreis zu verabfolgen“.

Am 21. März 1880 fand die konstituierende Aktionärversammlung im Hotel zum Schwarzen Löwen in Altdorf statt, in dessen Verlauf auch ein Präsidium mit Dr. med. Alfred Siegwart als Vorsitzenden gewählt wurde. Dem siebenköpfigen Vorstand gehörten weiter der Schaffner, der Kassier, der Markenkontrolleur, der Aktuar sowie zwei weitere Mitglieder an.

136 Aktionäre zeichneten insgesamt 562 Aktien zu 2 Franken. Freiwillige Beiträge von 135 Franken ergaben die Gesamtsumme des Betriebskapitals von 1259 Franken. Nach vielerlei Vorbereitungen öffnete die Suppenanstalt Altdorf am 2. November 1880 ihre Pforten in der damaligen Kaserne, dem heutigen Zeughaus auf dem Lehn.

Kastanien statt Brot

Die erste Suppenköchin, Johanna Gisler-Planzer, waltete für 1.40 Franken Taglohn und 2 Liter Gratissuppe ihres Amtes. Sie verstand ihr Metier ausgezeichnet und wusste in grossen Kupferkesseln aus Fleischbrühe, Gemüse, Reis, Bohnen und Brot eine vortreffliche Suppe zu kochen, die für 10 Rappen per Liter verkauft wurde. Die Abnehmer der Suppe konnten diese während den Wintermonaten in der Kaserne essen, wo ihnen auch das notwendige Besteck zur Verfügung stand, oder sie konnten diese im „Milchchessäli“ mit nach Hause nehmen. Es wurden durchschnittlich täglich 150 Liter Suppe gegen Marken à 5 und 10 Rappen abgegeben, die in der Dorf-Apotheke gekauft werden mussten. Die Zubereitung respektive die Qualität der Suppe waren dem Schaffner überlassen, der auch den Einkauf tätigte. Es wurde immer die gleiche Suppe verabfolgt, zwei- bis dreimal pro Saison gab es Fleischsuppe dank dem Entgegenkommen der ortsansässigen Metzger. 1904 war die Kollekte so erfolgreich, dass an einem Tag an die Kinder eine schmackhafte Wurst abgegeben werden konnte. An den Generalversammlungen war die Abwechslung der Suppe ein sporadisch wieder kehrendes Thema und der Vorstand erhielt etwa den Auftrag, die Verwendung von Maggi-Einlagen zuprüfen.

In den Jahren des Ersten Weltkrieges stellen die Finanzen den Geschmack jedoch in den Hintergrund. Der Vorstand verglich 1915 die Selbstkostenpreise der verschiedenen Suppen: 1 Liter Maggisuppe kostete 12 Rappen, 1 Liter gewöhnliche Suppe 10 Rappen und 1 Liter Kartoffelsuppe 8,5 Rappen. In den Kriegsjahren stiegen die Lebensmittelpreise derart an, dass 1917 der Selbstkostenpreis der Suppe 19 Rappen pro Liter betrug. Nun erschien die Erhöhung des Literpreises auf 15 Rappen und die Beschränkung auf 6 Liter Suppe pro Familie gerechtfertigt. Die Preisschraube drehte sich jedoch horrend und an der Generalversammlung im Dezember musste der Suppenpreis gar auf 25 Rappen per Liter festgesetzt werden. Die Abgabe von Brot an die Kinder musste zudem eingestellt werden und es wurden Kastanien zur Suppe verabreicht.

„Beenälisuppe“ mit roten Borlotti-Bohnen

Auch in den krisegeschüttelten 1930er-Jahren fand die Suppe grossen Absatz. 1933 wurde die Rekordzahl von 7'057 Litern erreicht. Der Grund war der Verkauf der Suppe an den Vinzenz-Verein und an die Gemeinde für die Arbeitslosen. Im Zweiten Weltkrieg kehrten für die Suppenanstalt die Mahlzeitencoupons als Rationierungsmarken wieder. Der Krieg bedingte einen neuen Posten, denjenigen einer Markenkleberin. Während 35 Jahren amtete Schlüssel-Wirt Otto Jauch-Dittli als Suppenkoch. Laut Protokoll verstand er nach seinem eigenen Rezept eine Suppe zu machen, die «eine wahre Götterspeise» war, denn nur der liebe Gott und er sollten wissen, was diese enthalte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde schliesslich die Erhöhung dieser «Götterspeise» von 35 auf 40 Rappen pro Liter beschlossen. Den Namen und typischen Geschmack erhält die „Altdorfer „Beenälisuppä“ von den roten Borlotti-Bohnen. Als weitere Zutaten enthält die Suppe weisse Bohnen, gelbes Erbs- und Röstmehl, Kartoffeln, Zwiebeln, Reis, Reibkäse und diverse Gewürze.

Mit dem nach dem Zeiten Weltkrieg einsetzenden Wohlstand besuchten die Kinder immer weniger die Suppenanstalt in der Turnhalle Winkel. Der Samstag wurde in der Folge als Suppentag gestrichen. Ende der 1960er-Jahre wurden an den 46 Betriebstagen noch an jeweils 150 Kinder insgesamt 7000 Portionen Suppe ausgeteilt. Der Ausschank ging somit innerhalb von 10 Jahren um rund zwei Drittel zurück. Einzelne zweifelten am Geschmack der Suppe, andere schmähten die Suppenanstalt als „alten Zopf“. Der Zuspruch zur „Beenälisuppe“ war jedoch immer noch vorhanden. Der Suppenanstalt kam zwar nicht mehr die gleiche karitative Bedeutung zu, der Vorstand sah die soziale Bedeutung jedoch darin, dass Kinder bemittelter und weniger bemittelter Eltern am gleichen Tisch sassen, das gleiche Geschirr erhielten, die gleiche Suppe assen und alle gleich behandelt wurden.

Tradition steht im Vordergrund

Heute steht die Tradition eindeutig im Vordergrund. Die „Altdorfer Beenälisuppä“ soll am Leben erhalten werden. Die Tradition erfüllt jedoch nur dann ihren Zweck, wenn das Angebot der Gratissuppe von den Kindern auch genutzt wird. So besuchten in der letzten Suppensaison sieben Schulklassen die „Suppi“. Man kennt aber auch kleine „Stammgäste“. 
Man würde mehr Kinder am Tisch haben, wenn beispielsweise „Wienerli mit Brot“ abgegeben würden. Die „Suppi“ muss sich jedoch selber finanzieren. Nebst Spenden geschieht dies vor allem dadurch, dass viele Erwachsene der „Altdorfer Beenälisuppä“ ihre Referenz erweisen. So gehört es in Altdorf praktisch zum Bestandteil eines Jahrgängers- oder Klassentreffen, dass man im Laufe des Programms die „Suppi“ besucht. Letzte Saison wurden an den Tischen im Winkel insgesamt zirka 1000 „Chacheli“ voll Suppe verabreicht. Rund 1500 der insgesamt 3340 Liter Suppe wurden „über die Gasse“ gegeben. Traditionell ist der Freitag vielfach noch traditioneller Suppentag, und die Suppe ist nicht nur nahrhaft, sondern mit 2 Franken pro Liter auch sehr preisgünstig.

Kein Personalmangel bei den
Suppenschöpfern

An der Gründungsversammlung wurden damals 30 Männer ausgewählt, die abwechslungsweise zu zweien bei der Suppenanstalt die Aufsicht und Kontrolle zu führen hatten. Sie hatten die Suppe auszuteilen und ungesäumt an den Markenkontrolleur Rapport zu erstatten. Eine wesentliche Aufgabe bestand auch in den Kontrollaufgaben über die grosse Schar Kinder und Jugendlicher. Die Suppenschöpfer wurden anfänglich als Kontrolleure betitelt. Diese rekrutierten sich - gleich wie noch heute - aus allen Volks- und Berufsschichten. In den ersten Jahren war man auch nicht abgeneigt, Frauen im Männerkreise zu dulden. So wurde die Witwe eines Kontrolleurs 1893 angefragt, ob sie nicht die Stelle ihres Gatten einnehmen wolle. Die Frauen amteten jedoch in der Folge nur als Köchinnen. Erst nachdem Frauen in die Behörden Einzug hielten und als Delegation des Schulrates beim Abschlussessen anwesend waren, wurde das Thema Frauen Ende des 20. Jahrhunderts wiederum ein Thema. So gipfelte das Interesse der zwei Vertreterinnen des Schulrats an der Suppenanstalt in der Erklärung, dass sie bereit wären, als Suppenschöpferinnen zu fungieren, falls dies mangels männlicher Schöpfer notwendig würde. Schmunzelnd gab Präsident Gustav Gisler-Waldis zu bedenken, „dass bei solch tief greifenden Reformen wohl zuerst Chur angefragt werden müsste, um eventuellen Sanktionen vorzubeugen.“ 1907 auferlegten sich die Suppenschöpfer erstmals eine Busse von 50 Rappen bei unentschuldigtem Fernbleiben vom Suppenschöpfen. Mit diesen Beiträgen wird bis in die Gegenwart das so genannte „Bussenessen“ finanziert.

Die „Suppi“-Tradition stösst auch bei den Behörden auf gutes Echo und so wird die Suppenanstalt in corpore vom Regierungsrat bis zum Schulrat besucht. Für die Erhaltung dieses wohltätigen Brauchtums erhielt die Suppenanstalt im Jahr 2000 denn auch die Altdorfer Medaille.

Rolf Gisler-Jauch

Altdorfer Beenäli-Suppä

So, wiä zu jeedem Fisch d Schuppä
so gheert zu Altdorf d Beenäli-Suppä.
Weer si scho gha het, chat nit widerstaa,
weer si nit kännt, dr sett äinisch ha!

Hundert Jaar sind etz verbyy,
sit üss Aafäng, schlicht und chlyy,
yysers Wärch entstaandä-n-isch.
Säg, wiä mängisch het am Tisch
jeddä gsäit, wo ässä tuät:
«Myyner Seel, diä isch d guät!
Hilft dr Seel und fillt dr Büüch ...
Gottloob git's nu dr Suppä-Brüüch!»

Nach hundert Jaar sell-m-är's verziä,
dass miär äs Bitzli stolz sind hiä.
Ds Gwärbi het das Wärch ja träit
und immer wiider ds Ja-Wort gsäit.
Eb guäti oder schlächti Zyttä,
d Suppä chunnt, si chunnt bizyttä,
Chind und Cheegel, Fräuw und Ma
selled Boonä-Suppä ha!

Mängä Brüüch hed miässä fliä,
d Zyt tuäd rännä ... und de wiä!
Alts und scheens vergaad wiä Ankä,
d Wält säit: «Leider!» oder «Dankä!»
D Nyywzyt hed gar mängs vertribä,
yyseri Suppä, diä fisch blibä;
alt-èrprobt und eewig jung:
Suppä haltet äim im Schwung!
Und wenns chlämmt ... weer bringts zum Chlepfä?
Sicher diä, wo gand ga schepfä.
Was da d Chuchi anäträit,
wird sèrwiärt mit Luscht und Fräid.

Diä, wo choched, diä, wo schepfed ...
wissed, dass si niämert schrepfed ...
Jeedä wäiss, wo uumäspringt,
dass är hiä a Taat vollbringt,
wo nyt z tuä hed mit dä Frankä,
mit em Rüäm und zweemal «Dankä».
Nai, mer macht ganz äifach mit,
wyl trotz hochmoodärner Zyt
hälffä scheen und neetig isch,
wenn äs fir ä Mitmänsch isch.

So de hemmer hundert Jaar,
und wäred also Jubilaar ...
Doch, miär chent statt jubiliärä
äu ä Blick i Zuäkunft riärä.
Alles säit: S muäss wyttergaa!
Guät, äs sind ä Hüüffä daa.
D Frag isch nur: Weer isch derbyy,
wenn äs haisst am Poschtä syy?

Ich wett diä jungä Lyt üffchlepfä:
Chemed äinisch äu cho schepfä!
S isch än Eeräsach, ä Hit

und mer fyylt sich wool dèrmit.
Garantyy gäbts de sogar:
grad nu äinisch hundert Jaar.

von Ruedi Geisser anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums der Altdorfer Suppenanstalt vom 17./18. November 1979
    

DER GRÜNDER


Landammann Karl Muheim ist der Gründer der Altdorfer Suppenanstalt. Er starb drei Jahre nach der im Jahre 1883 - erst 48-jährig.
    

EHEMALIGE PRÄSIDENTEN

1993-2006
Heinz Gisler, Versicherungsagent
1967-1993
Gustav Gisler-Waldis, Versicherungsagent
1946-1967
Otto Walker, Coiffeurmeister

1942-1945  
Alfred Schön sen., Kaufmann
1936-1941 
Franz Arnold, Wirt
1929-1935 
Walter Huber, Konditormeister
1925-1928  

Martin Arnold
1905-1924  
Jean Bucher (starb im Amte)
1895-1904
Anton Furger, Ratsherr
1883-1894
Dr. Alfred Siegwart
1881-1883
Karl Schmid
1880-1881
Dr. Alfred Siegwart  
   

KÖCHINNEN UND KÖCHE

1982-1994
Frau Käthy Brand-Holdener
1976-1982     
Frau Ida Achermann-Besmer
1971-1976     
Frau Elisabeth Bösch-Bernet
1968-1971     
Frau Arnold-Dietziker
1964-1968     
Robert Zgraggen
1963-1964     
Heinz Muheim, Konditormeister
1929-1963     
Otto Jauch, Koch und Hotelier, Feldli
1928-1929     
Frau Ida Herger-Müller
1926-1928     
Frau Vonmentlen, Altdorf
1925
Otto Jauch, Koch und Hotelier, Feldli
1923-1924     
Jean Göldi, Koch, Altdorf
1921-1922     
Frau W. Bachmann-Baumann, Allenwinden
1919-1920     
Frau R. Miesch-Zgraggen
1915-1918     
Frau Johanna Gisler-Mattli
1912-1914     
Frau Schillig-Haas

1895-1911     
Frau Brand-Haas, Winkel
1893-1894     
Frau Anna Lusser
1880-1892     
Frau Johanna Gisler-Planzer   

    

ANSCHAFFUNGEN

1894 
2 Kupferhafen
1895 
3. Kupferhafen
1898 
4. Kessel
1906 
Bänke und Tische im neuen Lokal
1930    
Zum 50jährigen Jubiläum
Elektrische Kessel
1931
Grössere Besteckanschaffung
1937           
Spühleinrichtung
1948
Ausbau der Suppenküche
1949
Neues Büffet
1959
Neuer Warenlift
1963
Neue Tische
1970            
Küchenmaschine
1978
Zwei neue Kipp-Kochkessel
(Gemeindeeigentum)
1987/88            
Renovation Winkelturnhalle

    

KOCHSTELLEN

1880-1904
In der Kaserne  

1905
Kein Lokal, interimsweise in der Remise von Blättler (ehemals hinterer Lehnhof); Ausschank in der Schlosserei Bären

1906-1987
Turnhalle Winkel

1988-            
Mehrzweckgebäude Winkel