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Urner Sagen



Das Sennentunschi
Golzern war vor alten Zeiten eine Alp. Im «Metzgerberg» stand eine Hütte, und da walteten drei Alpknechte, ein Senn, ein Küher (Kuhhirte) und ein Tinner (Gehilfe des Sennen ). Sie hatten wenig Arbeit, denn das Vieh brauchte auf der Weide fast gar nicht gehütet zu werden und wurde nie «gestallt». Einst, da sie vor Übermut und vor Langeweile nicht mehr wussten, was anzufangen, gingen sie hin, schnitzten aus einem Stück Holz einen rohen Kopf, kleideten denselben in Lumpen und stellten die so entstandene Figur hinter den Tisch. Sie hatten ihr Gespött mit diesem «Tunsch» («Tunggel» oder «Toggel») und nannten ihn «Häusäli» («Hanseli»). Wenn sie geschwungene Nidel assen, fragten sie: «Häusäli, magsch äu?» Sodann warfen sie ihm einen Schlack zu. Wenn sie ihren Nidelreisbrei verzehrten, fragten sie wieder: «Häusäli, magsch äu ä Bitz?» und strichen ihm den Brei unter die Nase und ums Maul. Nach und nach gaben sie ihm den Löffel in die Krallen und zeigten ihm, wie er dazu tun müsse, wenn er fressen wolle. Und siehe da, der «Tunsch» fing an zu fressen! Da erschraken sie zuerst, gewöhnten sich aber für und für daran und trieben wieder ihre Spässe. Als sie einmal Karten spielten, fragte der Senn: «Häusäli, wettisch äu spilä?». Er gab ihm die Karten in die Hände. Zuerst musste er nur die Karten halten und sein Partner schaute sie selber an und spielte sie aus. Nach und nach hielt aber der «Tunsch» die Karten fest und spielte selber. Das war ein Spass! Von nun an spielte er jedes Mal mit, und wer’s mit ihm hatte, der gewann immer. Der Balg nährte sich gut und gedieh. Alle Sonntage mussten sie ihn auf den benachbarten Biel an die Sonne hinübertragen, und er war so fett, dass alle drei Alpknechte miteinander ihn kaum zu tragen vermochten. Als sie in den Oberstafel fuhren, nahmen sie ihn mit und ebenso wieder, als sie im Herbst nach Golzern zurückkehrten. Am buntesten mit ihm trieb es halt doch der Senn. Der Sommer war dahin. Die Alpweiden erbleichten, und der Winter hatte schon die ersten Vorposten auf die Bergspitzen gestellt. Da hiess es abfahren von der Alp. Als die Kühe zusammengetrieben waren und alles bereitstand, stellte sich auch «Häusäli» ein, aber nicht um einen rührenden Abschied zu feiern. Mit ernster und fester Gebärde gebot der «Tunsch» dem Senn, als dem Oberhaupt der Alp, zu bleiben. Den andern erlaubte er, abzufahren, aber ja nicht zurückzuschauen, bis sie das Egg erreicht hätten. So geschah es, der Senn blieb, die anderen zogen mit dem Vieh ab. Als sie bei besagter Stelle angekommen waren, schauten sie zurück und sahen mit Zittern und Schrecken, wie der «Tunsch» die blutige Haut des Sennen auf dem Hüttendach ausbreitete. Seitdem heisst der Ort «Metzgerberg».
Müller Josef, Sagen aus Uri, Band II, Nr. 878, S. 251 f.
   
Es gibt rund 40 verschiedene Varianten dieser Sage. Der Handlungsort ist immer eine Urner Alp. Es kommen jedoch mehrere Standorte vor (Golzern im Maderanertal, Kartigel im Meiental, Göscheneralp, Voralp). Im Zentrum stehen die einsamen Sennen und Hirten, die sich aus Langeweile eine Puppe («Tunsch») schaffen. Sie füttern sie aus Spass, sprechen und spielen mit ihr. In einigen Versionen nehmen sie die weibliche Puppe auch zu sich ins Bett. In einigen Sagen wird der «Tunsch» getauft oder die Männer geben ihm einen heiligen Namen (Maria), was den Frevel erhöht. Kurz vor der Alpabfahrt wird die Puppe lebendig und beginnt zu sprechen. Sie rächt sich für die Übeltaten und die gottlose Tat, die die Sennen an ihr vollbracht hatten. Sie rächt sich zum Teil nur an der Person (meistens der Senn), der ihr am meisten Leid angetan hat. Sie zwingt diesen auf der Alp zu bleiben und zieht diesem die Haut vom Leib.
Die Sage erinnert auch an die antike Geschichte des Pygmalion, wo ein selbstgeschaffenes Abbild des Menschen ebenfalls eine eigene Existenz erhält.
Fotomontage: Rolf Gisler-Jauch (2017).

IN DIESER SAGE VORKOMMENDE FIGUREN

Der frevelhafte Hirt
Der Tunsch

SAGENHAFTE ÖRTLICHKEITEN

Göschenen, Göscheneralp   
Göschenen, Voralp   
Silenen, Golzern   
Wassen, Meiental   

SAGENHAFTE THEATERSTÜCKE

Sennentuntschi
1972  / Hansjörg Schneider
      

 

 

 

 

 

Texte und Angaben: Quellenverweise und Rolf Gisler-Jauch / Angaben ohne Gewähr / Impressum / letzte Aktualisierung: 08.12.2020