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Leben und Sein in Uri

ALLGEMEINES

In Uri lässt es sich gut leben! Was das Land und seine Bevölkerung ausmacht, ist über viele Generationen gewachsen: die Verbundenheit mit den Bergen und Tälern, das Zusammenleben in überschaubaren Gemeinden und die Erfahrung, an einer wichtigen europäischen Verkehrsachse zu wohnen. Einen einheitlichen Charakter der Urnerin und des Urners gibt es jedoch nicht. Lebensweise und Einstellungen unterscheiden sich nach Herkunft, Generation, Beruf und persönlicher Erfahrung. Eigenschaften wie Bodenständigkeit, Eigenständigkeit, Beharrlichkeit und Gemeinschaftssinn gehören vielmehr zu einem überlieferten Selbstbild, das sich aus der Geschichte des Landes erklären lässt.



Die menschliche Geschichte Uris reicht weit vor die schriftliche Überlieferung zurück. Bereits in der Mittelsteinzeit suchten Menschen die hochalpinen Gebiete auf und gewannen Bergkristall zur Herstellung von Werkzeugen. Bei Hospental sind Spuren aus der Zeit um 5500 v. Chr. nachgewiesen; die Funde bei der Unteren Stremlücke am Oberalpstock reichen noch weiter zurück. Die bekannte Silex-Pfeilspitze aus dem Urserntal ist somit ein frühes, aber nicht das älteste Zeugnis menschlicher Anwesenheit. Die Goldringe von Erstfeld aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. und Funde aus römischer Zeit zeigen, dass das Gebiet schon früh mit anderen Regionen verbunden war. Sesshaftigkeit bestand bereits vor der alemannischen Einwanderung. Die Bevölkerung des heutigen Uri entstand über lange Zeit durch Besiedlung, Zuwanderung und Austausch.

Mit der alemannischen Besiedlung im Frühmittelalter verbreiteten sich die deutsche Sprache und neue Siedlungsformen. Rodungen, Landwirtschaft und kirchliche Einrichtungen veränderten das Land. Zu den frühesten schriftlichen Nachrichten gehört die Verbannung des Reichenauer Abts Heddo nach Uri im Jahr 732. Sie lässt jedoch keine Rückschlüsse darauf zu, wie die damalige Bevölkerung lebte oder welchen Charakter sie hatte.

Über Jahrhunderte bildeten Viehhaltung und Alpwirtschaft eine wichtige Lebensgrundlage. Die Arbeit richtete sich nach Jahreszeiten, Wetter und Höhenlage. Im Frühling mussten Wiesen und Weiden vorbereitet, im Sommer Heu eingebracht und die Alpen bewirtschaftet werden. Der Winter verlangte ausreichende Vorräte für Menschen und Tiere. Aus solchen Lebensbedingungen lässt sich die hohe Wertschätzung von Arbeitsamkeit, Sparsamkeit und praktischem Können verstehen. Ebenso wichtig war gegenseitige Hilfe: Viele Aufgaben auf den Alpen, beim Unterhalt von Wegen oder nach Naturereignissen konnten nur gemeinsam bewältigt werden. Diese Zusammenhänge erklären bestimmte Wertvorstellungen, ohne daraus angeborene Eigenschaften der Bevölkerung abzuleiten.

Das bäuerliche Jahr besass einen eigenen Rhythmus. Die Alpauffahrt erfolgte je nach Höhenlage und Schneeverhältnissen häufig im Juni. Während des Sommers verteilten sich Arbeit und Familienleben auf Talbetriebe und Alpen. Mit der Rückkehr im Herbst folgten Viehmärkte, Viehprämiierungen und Chilbenen. Die Bürgler Sennenchilbi erinnert bis heute an die Bedeutung des Alpsommers und des Dankes für seinen Ertrag. Auch die «Hüsmetzgetä» gehörte früher zur herbstlichen Vorratshaltung. Fleisch wurde unmittelbar verwendet oder durch geeignete Verfahren haltbar gemacht. Die Jagd verband die Nutzung der Bergwelt mit Erfahrung, Geschick und örtlichem Wissen. Solche Tätigkeiten und Feste prägten besonders das bäuerliche Uri; sie bestimmten jedoch nie das Leben aller Einwohnerinnen und Einwohner in gleichem Mass.

Neben der Landwirtschaft stand der Verkehr. Uri war trotz seiner Berglandschaft über Jahrhunderte ein Durchgangsland. Säumer, Händler, Reisende und später die Beschäftigten des Strassen- und Eisenbahnverkehrs brachten Waren, Nachrichten und neue Erfahrungen mit. Die Begegnung mit Fremden gehörte insbesondere in den Orten entlang der Gotthardroute zum Alltag. Heimatverbundenheit und Offenheit für Einflüsse von aussen konnten deshalb durchaus nebeneinander bestehen.



Das Bild des eigenständigen und freiheitsliebenden Urners ist eng mit der politischen Überlieferung verbunden. Wilhelm Tell, das Rütli und die Entstehung der Eidgenossenschaft wurden zu wichtigen Bezugspunkten des historischen Selbstverständnisses. Die Landsgemeinde machte politische Gemeinschaft sichtbar: Bis 1928 versammelten sich die stimmberechtigten Männer auf der Landsgemeindewiese in Bötzlingen bei Schattdorf. Dieses Freiheitsverständnis hatte allerdings Grenzen. Frauen waren von der politischen Mitbestimmung ausgeschlossen, und auch zwischen den Männern bestanden erhebliche Unterschiede an Besitz, Einfluss und gesellschaftlicher Stellung.

Die Geschichte der Urnerinnen verdient dabei besondere Aufmerksamkeit. Frauen trugen durch ihre Arbeit in Haushalt, Landwirtschaft, Gewerbe und Erwerbsleben wesentlich zum Unterhalt der Familien bei. Sie erzogen Kinder, betreuten Angehörige, verwalteten Vorräte und übernahmen Verantwortung in den örtlichen Gemeinschaften. Ihr Beitrag erscheint in den historischen Quellen häufig weniger deutlich als jener der Männer. Die Vorstellungen von der fürsorglichen, sparsamen und belastbaren Urnerin spiegeln diese Aufgabenverteilung wider. Sie beschreiben gesellschaftliche Erwartungen, denen Frauen entsprechen sollten. Mit besseren Bildungs- und Berufsmöglichkeiten und der politischen Gleichberechtigung erweiterten sich ihre Handlungsspielräume. Das kantonale Frauenstimm- und Wahlrecht wurde in Uri am 5. März 1972 eingeführt.



Lange prägte auch der katholische Glaube das gesellschaftliche Leben. Kirchliche Feiertage, Prozessionen und religiöse Bräuche gaben dem Jahr Struktur. Familie, Pfarrei und Gemeinde boten Unterstützung und Zugehörigkeit, konnten aber auch starken Anpassungsdruck ausüben. Die Bindung an überlieferte Ordnungen erklärt, weshalb Uri häufig als traditionsbewusst und konservativ beschrieben wurde. Veränderungen verliefen dennoch fortwährend: durch neue Erwerbsmöglichkeiten, Bildung, Mobilität und den Austausch mit Menschen anderer Herkunft und Überzeugung. Zur Urner Lebenswelt gehören ebenso Geselligkeit, Humor und Freude am gemeinsamen Feiern. Die Vorstellung eines ausschliesslich ernsten, wortkargen Bergvolks greift zu kurz. Fasnacht, Katzenmusik, Theater, Musik und Vereinsleben schaffen Gelegenheiten, sich auszudrücken und den Alltag zu unterbrechen. Gerade die Fasnacht bietet Raum für Spott, Kritik und das zeitweilige Überschreiten gesellschaftlicher Regeln. Dialekt, Ortsgeschichten und gemeinsame Erinnerungen vermitteln dabei ein Gefühl der Zusammengehörigkeit.

In der Gegenwart umfasst das Urner Volk Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebenswegen. Dazu gehören alteingesessene Familien ebenso wie Zugezogene, Rückkehrende und Menschen mit familiären Wurzeln in anderen Ländern. Die Bindung an Uri kann durch Herkunft entstehen, aber auch durch langjähriges Wohnen, Arbeiten und Mitwirken. Was als typisch urnerisch empfunden wird, verändert sich deshalb mit der Gesellschaft. Bodenständigkeit kann heute bedeuten, Verantwortung für den eigenen Lebensraum zu übernehmen; Eigenständigkeit, neue Wege zu suchen; Gemeinschaftssinn, auch Menschen einzubeziehen, die noch nicht lange dazugehören. Der Charakter Uris zeigt sich so in einer fortlaufenden Verbindung von überlieferten Erfahrungen und neuen Lebensformen.

Quellen / Literatur: Literatur: Iten Karl, Stadler Emil; Zeitungsserie «Rings um ds Ürner Chuchigänterli», in: GP Nr. 28, 17.7.1971. www.ur.ch; www.hls-dhs-dss.ch; www.urikon.ch (mit Unterstützung von ChatGPT). Zeichnungen: ChatGPT (auf Anweisung URIkon. Der Grossteil der Vorlagen befindet sich im Historischen Museum Uri).

LEBEN UND SEIN IM DETAIL

ZITATE ZUM LEBEN UND SEIN IN URI

Schnellebigkeit der Zeit
Rechenschaftsbericht Uri
"Es radelt bald alles, jung und alt, gross und klein, reich und arm. Wer sich kein Auto anschaffen kann, will wenigstens vermittelst dem Velo schneller vom Flecke kommen. Es entspricht dies der gegenwärtigen Zeit, wo Zeit, mehr als je, Geld bedeutet."
Rechenschaftbericht UR 1924/25, S. 39.
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Texte und Angaben: Quellenverweise und Rolf Gisler-Jauch / Angaben ohne Gewähr / Impressum / Letzte Aktualisierung: 1.1.2019