Register der Volksfrömmigkeit
Lyychäghirmi (Leichenwacht)
In Uri waren überall «Lyychäghirmi» auf einem «Lyychäwäg» anzutreffen:
Altdorf: Feldkreuze, südlich vom Korporationsgebäude (Gotthardstrasse 3, 2026 in Granit restauriert); östliche Mauer in der Klostergasse; Historisches Museum Uri (Sandstein, siehe Abbildung oben).
Seelisberg: im Wald zwischen der Pfarrkirche und der Kapelle auf Sonnenberg, in der «Gruobi / Gruowi» beim «Torhittli», eine gedeckte «Ghirmi» mit einem grossen Feldkreuz daneben.
Isental: beim «Tosendä Schtei» und im «Schluchen» standen Leichenwachten; «Chappäli» auf der Frutt (als die Leichen noch in Seedorf begraben werden mussten);
Erstfeld: Vom Wyler bis zur Pfarrkirche in Erstfeld waren vier Lyychäghirmänä (u.a. beim Hofacher).
Silenen: Bei Haus vom «altä Sigrischtä-Babi, nahe bei der Kirche
Maderanertal: bei der St. Antoni-Kapelle
Amsteg: Auf «Brunni» ob Amsteg diente ein Helgenstöckli als Lyychäghirmi.
Intschi: «Spitzacher-Egg « hiess auch «Lyychäghirmi»-Egg.
Meiental: Schanz.
Der letzte, oftmals lange Weg
Als ein Leichnam noch in seinem Haus oder seiner Wohnung bis zur Beerdigung aufgebahrt wurde, gehörte der Leichenzug zur Kirche zum Sterbe- und Totenbrauchtum. In den meisten Urner Gemeinden trug man die Leichen im Begleitzug zur Beerdigung. Ursprünglich folgte der Weg mit der Leiche genau dem Weg, den der Verstorbene im Leben jeden Sonntag zur Kirche gegangen war. Daher nannte man den Gang mit der Leiche auch «z Chilä
Träägä». Das Sargtragen war ein Ehrenamt.
Wenn sich die Leichenträger eingefunden hatten, formierte sich der Leichenzug vor dem Trauerhaus. Im Aufbahrungszimmer wurde der Sarg zum Abtransport bereitgemacht. Die Angehörigen beteten «die heiligen Fünf Wunden» und gaben dem Verstorbenen nochmals das Weihwasser. Bei der Zimmertüre wartete «dr Chryyzliträäger» oder «d Chryyzliträägeri» mit dem Grabkreuz. Dann wurde der Tote mit den Füssen voran über die Schwelle der vorderen Haustür hinausgetragen. In den 1920er-Jahren empfand man die Türschwelle beim Hauseingang noch deutlich, wenn auch nicht immer bewusst, als magische Grenze. Man hielt auf der Türschwelle an und betete stellvertretend für den Verstorbenen, der nun sein irdisches Heim verliess.
Draussen wurde der Sarg gedreht und so auf die Erde gestellt, dass nun das Antlitz des Verstorbenen gegen sein Heim gerichtet war. So konnte er beim Wegtransport rückblickend von seinem ehemaligen Zuhause Abschied nehmen. Formte sich der Trauerzug in einem Weiler ausserhalb des Dorfes, läutete das Glöcklein der zur Häusergruppe gehörenden Kapelle dem Toten zum Abschied.
Dann setzte sich der Trauerzug betend in Bewegung. Dabei achtete man darauf, dass der Sarg mit dem Leichnam, wenn immer möglich, nicht bergan getragen werden musste. Hinter dem abziehenden Leichenzug schloss die zurückbleibende «Wacherin» die Haustüre. Die Vorbeterin oder der Vorbeter begann mit kräftiger Stimme den Schmerzhaften Rosenkranz, den die Trauergemeinde nun abwechselnd zwischen der rechten und linken Reihe des Leichengeleits betete.
Der Gang zur Kirche nahm in grossflächigen Gemeinden recht viel Zeit in Anspruch. Der Grund dafür lag aber nicht allein in der Weitläufigkeit der Landschaft.
«Lyychäghirmi» (Leichenwacht)
Es war seit alters her Brauch, dass der Leichenzug auf dem Weg zum Friedhof bei jeder «Lyychäghirmi» anhielt. An diesen Stellen war «äs Chäppeli», ein Flur- oder Feldkreuz, ein Bildstock oder eine in die Mauer eingelegte Sandsteinplatte mit aufgemeisseltem Kreuz. Die Trauernden unterbrachen das Rosenkranzgebet
und beteten gemeinsam fünf Vaterunser mit der Beifügung
«Herr, gib ihm die ewige Ruhe.»

Beerdigung des Feuerwehrkommandanten Albert Huber-Planzer in Altdorf, 1955 (StAUR Slg Bilddokumente FAA 272.19-BI-57718).
Da der Sarg vom Trauerhaus zum Friedhof abwechslungsweise
von mehreren Vierergruppen getragen wurde, dienten diese
«Lyychäghirmi», als es noch keinen Leichenwagen gab, als Rastplatz für die Leichenträger, beziehungsweise als Übergabeort des Leichnams an den Priester, der mit seinen Ministranten von der Pfarrkirche dem Leichenzug entgegengekommen war, um den Toten abzuholen und zum Gottesacker zu geleiten. Bei der ersten
«Lyychäghirmi» wollte man dem Toten nochmals Zeit lassen, Abschied vom Leben und von seiner irdischen Heimstätte zu nehmen. Bei dieser Totenrast wurde nun der Sarg gedreht, so dass der Leichnam zum Kirchhof, also zu seiner neuen und letzten Heimat, sehen konnte. Das Leichengeleit zog sich in langer
Prozession weiter zur Kirche.
Die «Lyychäghirmi» dienten einem Leichenzug nicht nur als Rastplatz. Das Volk begegnete diesen sakralen Denkmälern sehr ehrfurchtsvoll. Die Männer hoben beim Vorbeigehen den Hut, die Frauen machten das Kreuzzeichen, manche standen einen Augenblick lang still und verrichteten ein Stossgebet für die Armen
Seelen.

Leichenzug mit Leichenwagen und gefolgt von den Barmherzigen Brüdern, um 1905 (StAUR Slg Bilddokumente 272.19-BI-6924).
1905 beschlossen die Bruderschaften des heiligen Antonius, der heiligen Barbara, des heiligen Crispinus und des heiligen Crispinianus, dass in Altdorf künftig ein Pferdehalter die Beförderung der Leichen mit einem schwarzen Leichenwagen
vom Trauerhaus auf den Friedhof übernahm. Das Ausruhen der
Sargträger bei einer «Lyychäghirmi» fiel fortan weg.
Quellen: Bär-Vetsch Walter, Aus einer anderen Welt, S. 394 f.; Walter Bär-Vetsch, geboren werden – heiraten – sterben, Altdorf, 2023.
|
NACHWEISE
|
VOKLSGLAUBEN
DAS NACHSCHLAGEWERK
Kraft aus einer anderen Welt
Zeichen und Handlungen
des Volksglaubens und der Volksfrömmigkeit
in Uri
Walter Bär-Vetsch, Altdorf
>
pdf-Format
> Walter Bär im
Porträt

Das Werk von Walter Bär ist im URIkon bereits als pdf-Formular
vorhanden und kann heruntergeladen werden.
>
pdf-Formular
Zusätzlich werden die einzelnen Themen in die Datenbank des
URIkon eingelesen und können dann von verschiedenen Sachgebieten
eingelesen werden. Die einzelnen Themen werden laufend mit
Bildern ergänzt.
Stand der Arbeiten:
Begriffs- und Themenkatalog fertig
Nachweise in den Urner Sagen
>
in Arbeit
lllll
|