FASNACHTSMASKEN

Allgemeines Einzelmasken Maskenball


 

Maskenrechte und Totengeister

Im frühen Volksglauben hatten die Geister Macht über Gedeih und Verderb von Mensch, Tier und Pflanze. Die Darsteller in den Maskenzügen des Wilden Heeres machten diese Geister sichtbar. Die Macht der Geister färbte auf die maskierten Darsteller ab. Die Masken brachten somit Glück oder Verderben. Wegen ihrer geisterhaften Natur kamen den Masken in dieser Machtstellung deshalb besondere Rechte zu. Das «Butzenrecht» bestand vor allem im Schlag-, Rüge- und Heischerecht und äusserte sich im Brauchtum, alle gewöhnlichen Leute nach Gutfinden zu züchtigen und alles Greifbare zu «stibytzä». Das Maskenrecht hob die geltende Gesetzesordnung auf, es herrschte Geisterrecht. Das Wort «verbutzä» mit der Bedeutung «durchbringen, verschlemmen» zeigt damit die Verbindung von Masken und Heischen auf. Typisch für die alten Masken im ganzen Alpenraum war, dass sie nachts umherliefen, Schellen und Glocken trugen, mit Spiessen oder Peitschen bewaffnet waren, häufig Bettelsäcke trugen und die Leute mit Russ anschwärzten.

Zwischen Masken und Musik bestand seit eh und jeh eine enge Beziehung. Sebastian Brant (1457–1521) schrieb 1494 in seinem Narrenschiff: «Und jeder schreit, jauchzt, brüllt und plärrt, als würd zur Schlachtbank er gezerrt.» Dem Blasen von Hörnern, dem Läuten von Glocken oder dem ohrenbetäubenden gemeinsamen Knallen der Peitschen weist die Volkskunde einmal Funktionen der Vegetationsmagie zu. Mit dem Lärm sollte die Natur im Vorfrühling aus ihrem Winterschlaf aufgeweckt werden. Mit der Musik glaubte man, Geister vertreiben zu können. Dem nächtlichen Lärm kam aber vor allem auch eine Rügefunktion zu. Bei eingebrochener Dunkelheit sammelte sich die häufig verkleidete und maskierte Jungmannschaft und zog unter entsetzlichem Lärm los. Willkommen war dabei alles, was irgendwie als Geräuschquelle tauglich war. Wer gegen soziale Regeln verstossen oder sich sonst etwas hatte zuschulden kommen lassen, wurde zum Ziel des Zuges. Vor dessen Haus wurden durch Schreien, Johlen, Pfeifen und mit Hilfe der mitgebrachten Instrumente ein schauerlich misstönendes Höllenspektakel veranstaltet, wie das nächtliche Geheul der Katzen: Katzenmusik! Ein Hauptfeld dieses Akts der sittenrichterlichen Tätigkeit war die öffentliche Brandmarkung in Fällen, die das Verhältnis der beiden Geschlechter zueinander betrafen oder wenn das sittliche Empfinden des Volkes beziehungsweise ein alter Brauch verletzt erschien. Im Frankreich des 14. und 15. Jahrhunderts stand die Katzenmusik im engen Zusammenhang mit dem «Charivari» und dieses wiederum in ganz unmittelbarer Beziehung zur zweiten Ehe und vorzugsweise zur Witwe. Das verspottete Ehepaar hatte dabei die Möglichkeit, sich freizukaufen.



Masken sind keineswegs ein örtlich und zeitlich beschränktes Phänomen, sondern zählen zu den frühsten Ereignissen der Kultur. Sprachgeschichtlich deutet vieles darauf hin, dass bis zum Hochmittelalter nördlich der Alpen Gesichtsmasken als Brauchrequisiten unbekannt waren. Die Charaktermasken des antiken Theaters, das die Römer auch in Germanien gepflegt hatten, gerieten als fremdes Kulturelement in Vergessenheit, und spätestens die Völkerwanderung dürfte die Erinnerung daran endgültig ausgelöscht haben. Im deutschsprachigen Raum kehrten die Gesichtsmasken zuerst als Abbildung im Buchdruck zurück. Eigentliche Gesichtslarven kommen erst im Zusammenhang mit den geistlichen Spielen auf. Das Maskentreiben im deutschen Volksbrauch war seinem ursprünglichen Sinne nach eine ernsthafte kultische Handlung. Hinsichtlich Bedeutung bestehen verschiedene wissenschaftliche Theorien. Gemäss der animistischen Vorstellung war nicht nur der Mensch, sondern seine ganze Umgebung beseelt. Dämonen wirkten auf die menschlichen Geschicke in guter und böser Weise ein. Alle Krankheiten, Naturkatastrophen und Unglücksfälle, aber auch die Heilung und Abwehr werden hier auf die Dämonen zurückgeführt. Den Schadensgeistern standen die schützenden Gegenspieler gegenüber. Geister durchbrausten als Wotansheer in winterlichen Sturmnächten die Lüfte und erfüllten alles mit Schrecken. Für die einen waren sie die zur Ruhelosigkeit verdammten Seelen verstorbener Missetäter oder gewaltsam Getöteter, die als wilde Jagd die Lüfte durcheilen mussten, den andern feindliche Dämonen, die seit Urzeiten verkörperte Kraftausflüsse des Bösen darstellten. Der dämonische Charakter dieser Umzüge tat sich auch in Tiergestalten kund. Mit den Masken wurden die Züge nachgeäfft und versucht, die bösen Dämonen zu vertreiben. Mit Fruchtbarkeitsriten wurde versucht, die guten Dämonen anzulocken und sie gutmütig zu stimmen. Im Urner Brauchtum sind die Dämonenmasken im Gegensatz zu anderen Innerschweizer Gegenden spätestens im frühen 19. Jahrhundert verschwunden. Die drei ausgestellten Masken stammen aus dem benachbarten Innerschweizer Raum.

 



Im Historischen Museum ist eine Hundemaske mit Hörnern aus der Pfarrkirche Bürglen ausgestellt. Ihr Ursprung ist unbekannt. Gegen ein Überbleibsel eines mittelalterlichen Mysterienspieles spricht die Herstellungs-technik als Papiermaché. Die Maske wird auch als eine Darstellung des Höllenhunds Zerberus gedeutet und in den vielfältigen Bereich kirchlichen Brauchtums positioniert, mit dem die Kirche seit dem Mittelalter versuchte, dem Volk ihre Lehren auf möglichst sinnfällige Art vor Augen zu führen. Das Bild unten zeigt die Maske in den Augen des Künstlers Tino Steinemann.

 

Texte und Angaben: Quellenverweise und Rolf Gisler-Jauch / Angaben ohne Gewähr / Impressum / Letzte Aktualisierung: 25.1.2014