Energiegeschichte vor der Industrialisierung
Vor der Industrialisierung beruhte das Leben im Kanton Uri fast vollständig auf Energiequellen, die unmittelbar in der Region verfügbar waren. Muskelkraft, Holz, Nahrung, Wasser, Wind und Sonnenwärme bestimmten den Alltag. Energie wurde noch kaum über grössere Entfernungen transportiert und nur selten in technische Energieformen umgewandelt. Ihre Nutzung war eng an die Jahreszeiten, an die Landschaft und an die natürlichen Kreisläufe gebunden.
Die wichtigste Energiequelle war die menschliche Muskelkraft. Fast alle Arbeiten im Haus, auf dem Feld und im Gewerbe wurden von Hand ausgeführt. Der Boden wurde mit Hacke, Schaufel und Pflug bearbeitet, das Gras mit Sense und Sichel geschnitten und das Heu mit Rechen und Heugabel gewendet. Holz, Steine, Lebensmittel und andere Waren mussten getragen, gezogen oder mit einfachen Fahrzeugen befördert werden. Auch beim Waschen, Spinnen, Weben, Sägen und Schmieden war körperliche Arbeit unverzichtbar. Die Nahrung lieferte den Menschen die dafür notwendige chemische Energie. Die Leistungsfähigkeit einer Familie oder eines Betriebes hing deshalb wesentlich davon ab, wie viele arbeitsfähige Personen zur Verfügung standen.
Eine ebenso bedeutende Rolle spielte die Muskelkraft der Tiere. Kühe, Ochsen, Pferde, Maultiere und Esel waren nicht nur Nutztiere, sondern zugleich lebende Energieträger. Ochsen und Kühe zogen Pflüge, Schlitten und Wagen, während Pferde und Maultiere vor allem für den Transport eingesetzt wurden. Im Gotthardverkehr waren Saumtiere besonders wichtig. Sie trugen Waren über die steilen Wege zwischen dem Urnersee und dem Gotthardpass. Entlang der Verkehrsroute entstanden Susthäuser, Ställe, Schmieden und Gasthäuser. Der dafür benötigte «Treibstoff» bestand aus Gras, Heu und Hafer. Damit war auch die tierische Arbeitskraft Teil des natürlichen Energiekreislaufs der Landwirtschaft.
Der wichtigste Brennstoff war das Holz. Die Wälder Uris lieferten Brennholz zum Heizen, Kochen und Backen. In offenen Feuerstellen und später in gemauerten Herden und Kachelöfen wurde die im Holz gespeicherte Sonnenenergie in Wärme umgewandelt. Holz diente ausserdem als Rohstoff für Häuser, Brücken, Werkzeuge, Möbel, Fahrzeuge und Wasserleitungen. In Form von Holzkohle erreichte es wesentlich höhere Temperaturen und wurde deshalb besonders in Schmieden und bei der Verarbeitung von Metallen eingesetzt. Der grosse Holzbedarf führte stellenweise zu einer starken Beanspruchung der Wälder. Schutzwälder besassen in Uri jedoch eine lebenswichtige Funktion, weil sie Siedlungen und Verkehrswege vor Lawinen, Steinschlag und Hochwasser schützten. Deshalb musste ihre Nutzung schon früh geregelt werden.
Neben der Muskelkraft und dem Holz war die Wasserkraft die wichtigste mechanische Energiequelle. Uri verfügte mit der Reuss und zahlreichen Bergbächen über ein grosses, wenn auch schwer zu bändigendes Energiepotenzial. Wasserräder trieben Mühlen an, in denen Getreide zu Mehl gemahlen wurde. Sie konnten zudem Sägen, Stampfen, Schleifsteine, Blasebälge und andere gewerbliche Einrichtungen bewegen. Dazu wurde Wasser in Kanälen oder hölzernen Rinnen auf ein Mühlrad geleitet. Seine Drehbewegung wurde über Wellen, Zahnräder und Riemen auf die jeweilige Arbeitsmaschine übertragen. Damit liessen sich Arbeiten mechanisieren, die zuvor von Menschen oder Tieren verrichtet werden mussten. Die Leistung blieb allerdings von der Wasserführung abhängig: Trockenheit, Frost, Hochwasser und Geschiebe konnten den Betrieb einschränken oder ganz unterbrechen.
Windenergie war in Uri zwar vorhanden, wurde aber wegen der engen Täler und der unregelmässigen Windverhältnisse durch Windmühlen nicht genutzt. Bedeutender war der Wind für die Schifffahrt auf dem Urnersee. Segel unterstützten den Transport von Personen, Vieh und Waren, doch blieben die Schiffe zusätzlich auf Ruder und damit auf menschliche Muskelkraft angewiesen. Bei ungünstigem Wind konnte die Fahrt langsam, mühsam und gefährlich werden. Trotzdem bildete der See lange Zeit den wichtigsten Zugang zum Kanton, weil die Landwege an seinen steilen Ufern nur beschränkt ausgebaut waren.
Auch die Sonne war eine alltägliche, wenn auch nicht technisch genutzte Energiequelle. Sie erwärmte Häuser und Ställe, liess Gras und Getreide wachsen und ermöglichte das Trocknen von Heu, Früchten, Kräutern und Wäsche. Die Landwirtschaft beruhte vollständig auf dieser Sonnenenergie: Pflanzen speicherten sie, Tiere verwandelten das Pflanzenfutter in Milch, Fleisch und Arbeitskraft, und der Mensch gewann daraus Nahrung. Die Ausrichtung der Häuser, kleine Fenster, massive Mauern und geschützte Bauplätze halfen dabei, Wärmeverluste zu begrenzen. Im Winter musste mit den knappen Vorräten sorgfältig umgegangen werden.
Licht war vor der Industrialisierung kostbar. In den Häusern dienten das Herdfeuer, Kienspäne, Talglichter und später Kerzen sowie einfache Öllampen zur Beleuchtung. Diese Lichtquellen waren schwach, erzeugten Rauch und bargen eine erhebliche Brandgefahr. Der Tagesablauf richtete sich deshalb stärker nach dem natürlichen Licht. Viele Arbeiten begannen bei Tagesanbruch und endeten nach Einbruch der Dunkelheit. Nur in wohlhabenderen Haushalten, Kirchen und öffentlichen Gebäuden standen grössere Mengen an Kerzen zur Verfügung.
Die vorindustrielle Energieversorgung Uris war somit dezentral, erneuerbar und stark von der Natur abhängig. Fast jedes Dorf nutzte seine eigenen Wälder, Weiden, Wasserläufe und Arbeitskräfte. Energie war knapp und wertvoll; entsprechend sorgfältig wurden Brennholz, Futter und Nahrungsmittel verwendet. Gleichzeitig verlangte dieses System einen hohen körperlichen Einsatz..
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