Die Anfänge der Elektrizität in Uri

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann man im Kanton Uri, die reichen Wasserkräfte nicht mehr allein zum Antrieb von Mühlen, Sägen und anderen mechanischen Einrichtungen zu nutzen, sondern auch zur Erzeugung elektrischer Energie. Ein erster Pionier war der ehemalige Bürgler Gemeindepräsident Anton Arnold. Ohne besondere technische Ausbildung, aber aufgrund eigener Studien, errichtete er 1888 auf seinem Grundstück in der «Gerbe» am Schächenbach das erste eigentliche Elektrizitätswerk Uris. Seine kleine Dynamoanlage versorgte einige Häuser im Bürgler Dorfkern und in Hartolfingen mit elektrischem Licht. Bei besonderen Anlässen wurde sogar die Pfarrkirche beleuchtet. Die Anlage blieb zwar bescheiden, zeigte aber erstmals, welche Möglichkeiten die Verbindung von Wasserkraft und Elektrizität eröffnete.
Früh erkannte auch das Militärdepartement die Bedeutung der neuen Energieform. Im Jahr 1889 erhielt es vom Kanton Uri die Konzession, die Wasserkraft der Reuss in der Schöllenen zu nutzen. Die Wasserfassung befand sich rund vierzig Meter unterhalb der später verschwundenen St.-Antonius-Kapelle. Das kleine Kraftwerk sollte eine Leistung von etwa 140 Kilowatt erreichen; der erzeugte Strom durfte ausschliesslich für die Festungsanlagen von Andermatt verwendet werden. Bemerkenswert war die Auflage, dass der eindrucksvolle Wasserfall oberhalb der Teufelsbrücke in seiner Schönheit nicht beeinträchtigt werden dürfe. Das Werk wurde gebaut und versorgte unter anderem grosse militärische Scheinwerfer, mit denen ab 1893 nachts die umliegenden Berghänge nach angenommenen feindlichen Stellungen abgesucht wurden. Seit 1897 konnten auch mehrere vornehme Andermatter Hotels Strom vom Militär beziehen. Die Besitzer der Hotels Bellevue, St. Gotthard, Drei Könige und Krone liessen damit während der Fremdensaison die Teufelsbrücke eindrucksvoll beleuchten.
Gleichzeitig wuchs im ganzen Kanton das Interesse an einer systematischen Erfassung der nutzbaren Wasserkräfte. 1890 liess die Gemeinnützige Gesellschaft eine Statistik über die grössten Wasserkräfte und die günstigsten Standorte für industrielle Betriebe erstellen. Auch die Urner Regierung wurde tätig und beauftragte den angesehenen Berner Wasserbauingenieur Robert Lauterburg mit einer Untersuchung. Lauterburg legte 1891 einen 35 Seiten umfassenden handschriftlichen Bericht vor. Darin bezeichnete er 21 Fluss- und Bachgebiete als mehr oder weniger geeignet für die Wasserkraftnutzung, von der Furkareuss zwischen Realp und Hospental über den Bockibach auf der Waldnachthöhe bis zur Engelberger Aa auf der Surenenalp. Seine Einschätzung erwies sich als weitsichtig, denn viele der von ihm genannten Gewässer wurden später tatsächlich zur Stromerzeugung genutzt.
Besonders konkrete Formen nahm die Elektrifizierung in Altdorf an. Im August 1894 ersuchte der Gemeinderat die Urner Regierung um eine Konzession zur Nutzung der Wasserkraft des Schächens an der Rütti in Bürglen. Das Vorhaben verfolgte drei Ziele: Altdorf sollte eine elektrische Beleuchtung erhalten, industrielle Betriebe sollten mit Kraftstrom versorgt werden und langfristig war eine elektrische Strassenbahn zwischen Altdorf und Flüelen vorgesehen. Von ihr versprach man sich eine bessere Verbindung zum Bahnhof sowie neue Impulse für den Fremdenverkehr. Einen wichtigen unmittelbaren Abnehmer bildete die im Aufbau befindliche eidgenössische Laborierwerkstätte, die spätere Munitionsfabrik.
Zunächst dachte der Gemeinderat an eine Anlage mit rund 270 Pferdekräften beziehungsweise etwa 200 Kilowatt. Da jedoch bereits ein späterer Ausbau absehbar war, beantragte Altdorf eine Konzession für bis zu 800 Pferdekräfte, was ungefähr 580 Kilowatt entsprach. Gleichzeitig wollte die Gemeinde erreichen, dass sie alleinige Konzessionärin für diesen Abschnitt des Schächens blieb. Im Landrat löste das Begehren am 17. November 1894 eine lange Debatte aus. Umstritten waren vor allem die Höhe des Wasserzinses und die Frage, ob die Gemeinde die Konzession später ohne Zustimmung des Kantons einer Gesellschaft übertragen dürfe. Diese Möglichkeit war entscheidend, weil Altdorf das für den Kraftwerksbau benötigte Kapital nicht allein aufbringen konnte.
Schliesslich erteilte der Landrat die Konzession für siebzig Jahre. Der Wasserzins wurde auf zwei Franken je genutzte und einen Franken je ungenutzte Pferdekraft festgelegt. Zudem durfte die Konzession an eine Gesellschaft übertragen werden. Im Dezember 1894 genehmigte der Landrat das Geschäft nach einer weiteren stundenlangen und teilweise heftig geführten Aussprache endgültig. Als Gegenleistung wurde dem Staat ein begrenzter unentgeltlicher Lichtbezug im Umfang von 200 Kerzen zugesichert.
Für den Bau und den Betrieb des Werkes sollte nun eine Aktiengesellschaft gegründet werden. Dagegen erhob sich vor allem im konservativen «Urner Wochenblatt» heftiger Widerstand. Hinter der Auseinandersetzung standen nicht nur wirtschaftliche Bedenken, sondern auch die damaligen politischen Gegensätze in Altdorf: Führende Vertreter der liberalen Richtung hatten das Elektrizitätsprojekt massgeblich vorangetrieben. Trotz dieser Opposition stimmte die Altdorfer Gemeindeversammlung im Januar 1895 der Übertragung der Konzession an eine Aktiengesellschaft mit einem Anfangskapital von 250’000 Franken zu.
Damit war der Weg zur Gründung des Elektrizitätswerks Altdorf geebnet. Noch im Jahr 1895 entstand die Elektrizitätswerk Altdorf AG, das spätere EWA und heutige energieUri. Aus einer zunächst örtlichen Initiative zur Beleuchtung Altdorfs und zur Versorgung einzelner Betriebe entwickelte sich eines der wichtigsten Energieunternehmen des Kantons. Die Gründung bildete zugleich den Übergang von kleinen, einzelnen Pionieranlagen zur planmässigen und wirtschaftlich organisierten Nutzung der Urner Wasserkraft. Seit 1895 stützt sich das Unternehmen auf diese erneuerbare Energiequelle.
Literatur: Fryberg Stefan, Uri und seine Wasser, S. 241 ff.; Zeichnung generiert mit ChatGPT.
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